24. November 2025

„Spiridon II“ entlädt Tiere in der libyschen Stadt Bengasi

Die "Spiridon II", als sie noch vor der türkischen Küste vor Anker lag.

Das Frachtschiff „Spiridon II“, das nach einer einmonatigen Überfahrt von Uruguay mit knapp 3.000 Rindern an Bord für mehr als einen Monat vor der türkischen Küste festsaß, ist nach einer langen Funkstille in der libyschen Stadt Bengasi aufgetaucht. Unser Team vor Ort hat das Schiff gefilmt, wie es im Hafenbereich andockt. Einer Quelle zufolge verließen Tiertransporter am Sonntag mit Tieren beladen das Hafengelände. Lkws sind auch einem Satellitenbild zu sehen. Damit ist erwiesen, dass mindestens ein Teil der knapp 3.000 Rinder aus Uruguay in Libyen ausgeladen wurde – in einem Land ohne funktionierende Tierwohl- und Transportkontrollen. 

Am Montagmorgen nach der Entladung hat die „Spiridon II“ den Hafen wieder verlassen und befindet sich nun erneut auf See. Ob und wie viele Tiere weiterhin an Bord sind, ist unklar. Das Schiff gab zuletzt Alexandria in Ägypten als Zieldestination an, zuvor war als Zielort Libanon angegeben. Ob und welche dieser Angaben stimmen, lässt sich nicht verifizieren. Inzwischen hat es das Signal wieder ausgeschaltet. Es ist möglich, dass das Schiff damit die Hafenstaatkontrollen zu verwirren versucht, um nicht kontrolliert zu werden. 

Kein Tierarzt an Bord – hochriskante Versorgungslage

Von einer verlässlichen Quelle aus Uruguay wissen wir, dass auf dem Weg von Uruguay in die Türkei noch ein Tierarzt oder eine Tierärztin an Bord war. Diese Person hat das Schiff in der Türkei jedoch verlassen. Damit waren die Tiere ausgerechnet in der kritischsten Phase – während des Festliegens in der Türkei, der Signalabschaltungen und der Weiterfahrt nach Libyen – ohne tierärztliche Betreuung unterwegs. 

Für die hunderten trächtigen Färsen, neugeborenen Kälber sowie vielen kranken oder geschwächten Tiere stellt dies ein gravierendes Risiko dar.

Signalabschaltung wirft Fragen auf – Verdacht auf Überbordwerfen toter Tiere

In der vergangenen Woche war die „Spiridon II“ mehr als drei Tage lang ohne AIS-Signal unterwegs. Am Dienstagnachmittag (18.11.) schaltete das Schiff sein Signal vor der tunesischen Küste vollständig ab, nachdem es zuvor Montevideo (Uruguay) als Ziel angegeben hatte. Erst am Freitagabend tauchte es wieder auf – in der anderen Richtung, vor dem Hafen von Bengasi in Libyen.

Wir gehen aufgrund der langanhaltenden Signalabschaltungen davon aus, dass während dieser Phase tote Tiere über Bord geworfen wurden und die sich über zwei Monate angesammelte Gülle illegal abgelassen wurde. Dies wäre ein klarer Verstoß gegen das internationale Meeresschutzabkommen MARPOL. Bereits zuvor waren Dutzende Tiere gestorben, viele Kälber geboren, verschollen oder verendet. Ohne Entlademöglichkeit, ohne Reinigung und ohne fachgerechte Kadaverentsorgung herrschten an Bord seit Wochen Extrembedingungen.

Ein durch das österreichische Investigativteam von „The Marker“ aufgetriebenes Satellitenbild, das uns vorliegt, zeigt, dass sich zuletzt keine der weißen Säcke mehr an Bord befanden, die in der Türkei noch auf Deck aufgestapelt waren. Das deutet laut der renommierten Schiffstierärztin Dr. Lynn Simpson darauf hin, dass die Kadaver im Mittelmeer versenkt wurden. „Das Schiff wurde vermutlich vor der Einfahrt in den Hafen von Bengasi gereinigt“, sagt sie. Das passt auch dazu, dass unser Team vor Ort weder Güllegeruch noch Verwesungsgeruch wahrnehmen konnte.

Weiter erklärt Simpson: „Das gesamte Heu, das am 9. November in der Türkei geladen wurde, ist weg – vermutlich ist kein Futter mehr übrig.“ Es sei im Hafen von Bandırma zu wenig Heu geladen worden, um damit länger auszukommen, sagt die Expertin. Bei den Lastwagen, die auf dem Satellitenbild in Bengasi zu sehen sind, handle es sich um Ein-Deck-Lastwagen, die Platz böten für rund 30 bis 35 Rinder. „Es ist möglich, dass sie alle überlebenden Tiere in der Zeit, in der das Schiff im Hafen lag, entladen haben,“ so Simpson. Sicher ist das allerdings nicht. Wir halten es nicht für ausgeschlossen, dass sich weiterhin Rinder an Bord der „Spiridon II“ befinden. 

Internationale Untersuchung und sofortigen Stopp von Lebendtiertransporten auf See gefordert

„Wir erleben hier einen der schwersten Tierschutz- und Meeresschutzverstöße der letzten Jahre – und ein weiteres Beispiel für das strukturelle Versagen beim Handel mit lebenden Tieren“, sagt Maria Boada Saña, Tierärztin bei AWF und TSB. „Die Behörden müssen jetzt unverzüglich klären, ob sich noch Tiere an Bord befinden, wohin die verbliebenen und die ausgeladenen Tiere gebracht werden, und was während der Signalabschaltungen passiert ist.“

Wir fordern: 

  • Eine sofortige internationale Untersuchung, insbesondere durch WOAH (World Organization for Animal Health) und IMO (International Maritime Organization).
  • Eine medizinische Überprüfung aller noch lebenden Tiere, egal ob an Bord oder bereits in Libyen.
  • Eine strafrechtliche Prüfung möglicher MARPOL-Verstöße.
  • Ein Verbot von Lebendtiertransporten auf hoher See, da sich Katastrophen wie diese systembedingt wiederholen werden, solange solche Transporte weiterhin genehmigt werden. Und ein Verbot von Exporten lebender Tiere per Schiff in der neuen EU-Tiertransportverordnung. 

Timeline zum Fall „Spiridon II“

20. September 2025
Abfahrt der „Spiridon II“ in Uruguay mit 2.901 Rindern an Bord, etwa die Hälfte davon trächtig. Ein Tierarzt/eine Tierärztin begleitete die Tiere.

22. Oktober 2025
Ankunft im Hafen von Bandırma in der Türkei. 

23. Oktober 2025
Die Veterinärbehörde von Bandırma führt gemäß Gerichtsdokumenten, die ein türkischer Politiker später veröffentlicht hat, eine Kontrolle der Tiere durch und stellt fest, dass bei 469 Rindern die Ohrmarken zwar lesbar, aber nicht in den Importlisten aufgeführt waren. Die Türkei verweigert daraufhin die Ausladung der Tiere. 58 Tiere waren laut den Veterinärbehörden bereits auf der Reise gestorben. 140 trächtige Färsen haben unterwegs Kälber zur Welt gebracht. Von diesen 140 Kälbern waren jedoch nur 50 auffindbar – ob tot oder lebendig, geht aus den Dokumenten nicht hervor. 

Oktober-November 2025
Die „Spiridon II“ liegt wochenlang vor der türkischen Küste – ohne Möglichkeit zu entladen. Der Tierarzt/die Tierärztin der/die in Uruguay an Bord gegangen war, verlässt das Schiff. Auf dem Schiff werden die Zustände, in denen die Tiere ausharren müssen, mutmaßlich von Tag zu Tag schlimmer. Es ist von vielen Todesfällen auszugehen. Die toten Tiere und Exkremente dürfen wegen des Meeresschutzabkommens im Mittelmeer nicht entsorgt werden. Die Tiere stehen knietief im Mist, die Ammoniakbelastung ist hoch, insbesondere in den unteren Decks. 

9. November 2025
Kurzzeitiges Anlegen zum Laden von Futter und Wasser. Weiterhin keine Entladung erlaubt. Fotos und Videos zeigen Berge von weißen Säcken auf dem oberen Deck – vermutlich gefüllt mit toten Rindern. 

10. November 2025
Das Schiff liegt wieder vor Anker. 

14. November 2025
Das Schiff legt ab und gibt nun Montevideo (Uruguay) als Ziel an. Erwartete Ankunft am 14. Dezember. Wir gehen davon aus, dass die Tiere einen weiteren Monat an Bord nicht überleben werden. 

18. November 2025
Als sich das Schiff auf der Höhe der tunesischen Küste befindet, schaltet es sein AIS-Signal ab. Wir vermuten, dass es nun die Tierkadaver über Bord wirft und Gülle ablässt. 

21. November 2025
Nach mehr als 72 Stunden ohne Funksignal taucht das Schiff wieder auf. Die „Spiridon II“ ist wieder nach Osten zurückgefahren und befindet sich nun in Libyen, vor dem Hafen von Bengasi.

22.-23. November 2025
Am Samstagnachmittag legt die „Spiridon II“ am Hafen von Bengasi an. Das AWF-Team hört von abfahrenden Tiertransportern. Ein Satellitenbild vom 23. November zeigt Lkws vor dem Schiff. 

24. November 2025
Unser Team erreicht den Hafen von Bengasi und kann das Schiff vor der Abfahrt filmen. Das Schiff verlässt Bengasi am Vormittag. Neu deklariertes Ziel: Alexandria. Ob das stimmt, ist nicht sicher. Ein Satellitenbild zeigt, dass sich keine Säcke mehr auf Deck befinden. Das deutet darauf hin, dass die toten Tiere im Mittelmeer entsorgt wurden. Es ist unklar, ob noch Tiere an Bord sind. Auf dem Bild ist kein Heu mehr auf Deck zu sehen, was ein Hinweis sein könnte, dass das Schiff nun keine Tiere mehr geladen hat. 

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