Spiridon II: Mindestens 340 tote Tiere – die Überlebenden in Libyen ausgeladen
Säcke, vermutlich gefüllt mit den Körpern toter Tiere, sind auf dem Deck aufgestapelt (Foto aufgenommen am 9. November 2025).
Als das Schiff zum Nachladen von Futter kurz anlegen durfte, konnten wir einen Blick auf die Rinder an Bord werfen. Sie sind über und über schmutzig und dicht aneinandergedrängt (Bild vom 9. November 2025).
Am 14. November, nach 23 Tagen vor der türkischen Küste, setzte sich die "Spiridon II" plötzlich wieder in Bewegung - vermeintlich zurück nach Uruguay.
Nach einer dreitägigen Funkstille tauchte das Schiff plötzlich am Hafen von Bengasi in Libyen auf. Dort entlud es höchstwahrscheinlich alle überlebenden Tiere. Danach gab es an, nach Alexandria zu fahren. In Wirklichkeit fuhr es jedoch in den Libanon.
Es war eine Horror-Fahrt für 2900 uruguayische Rinder. Nach einem Monat auf See blieben sie in der Türkei weitere 23 Tage an Bord des Frachters „Spiridon II“ eingesperrt – wegen Problemen mit den Einfuhrpapieren. Ein schweres Versagen aller Verantwortlichen, und wie so oft waren unschuldige Tiere die Leidtragenden.
Mit jedem Tag standen sie tiefer in Exkrementen, litten unter der Ammoniakbelastung und hungerten. Schon während der Überfahrt starben 58 Rinder – und täglich wurden es mehr. Während das Schiff kurz zum Futterladen anlegen durfte, lagen auf Deck Berge weißer Säcke, wohl mit Tierleichen gefüllt.
Die Hälfte der Tiere war trächtig, mindestens 140 Kälber wurden unterwegs geboren. Die kleinen Wesen haben auf so einem Schiff kaum eine Überlebenschance. Der Großteil von ihnen war bei der Ankunft „unauffindbar“ – vermutlich über Bord entsorgt.
So wurden wir aktiv
Sofort nachdem wir vom Fall erfahren haben, waren unser Team vor Ort. Gleichzeitig haben wir Behörden in der Türkei, die EU-Kommission, die Welttiergesundheitsorganisation WOAH und die Seebehörden der umliegenden Länder kontaktiert und in der Öffentlichkeit und den Medien Druck gemacht. Damit wollten wir erwirken, dass die Tiere sofort untersucht, an Land gelassen und Kranke von ihrem Leid erlöst werden!
Doch niemand fühlte sich zuständig. Genau das ist das Kernproblem bei Schiffstransporten: Die Verantwortung wandert im Kreis, und am Ende will sie niemand tragen.
Gerade in solchen Fällen ist öffentliche Aufmerksamkeit entscheidend. Sie zwingt die Verantwortlichen zum Hinsehen – und genau diese Sichtbarkeit konnten wir mit der großen medialen Berichterstattung schaffen.
Dank unserer Intervention durfte das Schiff dann am 9. November kurz anlegen und Futter und Wasser nachladen – die Tiere mussten jedoch an Bord bleiben.
Schiff täuscht Rückkehr vor - und entlädt dann Tiere in Libyen
Dann der Schock: Das Schiff legte wieder ab und wollte nach Uruguay zurückkehren. Einen weiteren Monat auf See hätten die Tiere nicht überlebt! In dieser Zeit wurde die mediale Berichterstattung noch grösser. Öffentlich forderten wir das sofortige Anhalten des Schiffs und erklärten, wie schlecht es Tieren an Bord solcher Schiffe nach einer zweimonatigen Höllenfahrt gehen muss.
Vor Tunesien schaltete die "Spiridon II" ihr Ortungssystem plötzlich aus und war drei Tage lang verschwunden. Dann tauchte sie plötzlich in der Gegenrichtung wieder auf: in Bengasi (Libyen). Dort wurden laut unseren Quellen 2700 Tiere ausgeladen. Nach offiziellen Angaben sollen es alle gewesen sein.
Die traurige Bilanz: über 340 Tiere (inklusive der neugeborenen Kälber) haben die Horror-Fahrt wohl nicht überlebt. Was mit ihnen geschah, ist unklar; wir vermuten, dass ihre Körper während der Funkstille im Mittelmeer entsorgt wurden.
Wir spüren die Tiere auf
Unser Team fand in Libyen die Farm, auf die die uruguayischen Rinder vermutlich gebracht wurden. Doch wegen der hohen Mauern und der gefährlichen Lage konnten wir nicht nachsehen, wie es ihnen geht. Wir geben jedoch nicht auf und werden es erneut versuchen.
Während wir noch vor Ort waren, legte die "Spiridon II" wieder ab und fuhr vermeintlich nach Ägypten. Erneut stellte das Schiff sein Ortungssystem aus und tauchte wenige Tage später im Libanon wieder auf (am Donnerstag, 27.11.).
Da es nicht das erste Mal war, dass das Schiff falsche Angaben gemacht hatte zu seiner Zieldestinatione, waren wir bereit: Ein Team von uns war schon dort und dokumentierte die Einfahrt des Schiffs in Beirut.
Ob wirklich keine Tiere an Bord mehr waren, versuchen wir gerade herauszufinden. Doch es scheint, als wären keine Rinder ausgeladen worden.
Wie geht es jetzt weiter?
Wir haben den Fall von Anfang an dokumentiert, Öffentlichkeit und Medien informiert und eine Aktion gestartet, um die WOAH zum Handeln zu bewegen. Sie muss diesen Fall offiziell untersuchen und dafür sorgen, dass sich so etwas nie mehr wiederholt!
Über 6000 engagierte Menschen haben mitunterzeichnet. Heute haben wir die gesammelten Unterschriften offiziell überreicht. Hier geht es zu unserem Brief an die Behörde. Wir danken allen, die mitunterzeichnet haben!
Mit Nachdruck fordern wir ein Verbot von Tiertransporten auf hoher See. Denn solange Tiere verschifft werden dürfen, wird es immer wieder zu Zwischenfällen kommen, bei denen Hunderte oder sogar Tausende von Tieren sterben.
Obwohl die Tiere nun offenbar alle ausgeladen wurden, stellt uns der Ausgang des Falls nicht zufrieden. Die Rinder wurden zwar nicht für einen weiteren Monat auf See festgehalten. Doch sie wurden nach Libyen verkauft - in ein Land ohne funktionierende Tierwohlkontrollen und ohne Tierschutzstandards!
Wir werden weiter dranbleiben und das Schicksal dieser Tiere dokumentieren. Auch wenn dieser Fall - wie alle Schiffsexporte lebender Tiere - ein trauriges Ende genommen hat, so darf das Schicksal dieser Tiere nicht umsonst gewesen sein! Denn Fälle wie dieser geben uns die richtigen Argumente, um weiter mit aller Kraft gegen grausame Tiertransporte per Schiff zu kämpfen. Damit dieses schreckliche Geschäft eines Tages der Vergangenheit angehört.


