Tierexporte per Schiff
Millionen Tiere werden mit einer veralteten Risiko-Flotte transportiert
Jedes Jahr werden mehr als drei Millionen Tiere – vor allem Rinder und Schafe – auf dem Seeweg aus der Europäischen Union in Nicht-EU-Länder exportiert. Zunächst werden sie von Höfen und Sammelstellen in ganz Europa per Lkw zu Exporthäfen in Ländern wie Rumänien, Spanien, Kroatien, Portugal, Slowenien, Frankreich und Irland transportiert. Von dort aus befördern Cargo-Schiffe sie zu Zielorten im Nahen Osten, in Nordafrika und oft sogar noch weiter. Diese Fahrten dauern meist Tage oder sogar Wochen.
Die Tiere werden für die Zucht, die Mast oder zum Schlachten in Länder wie Israel, die Türkei, Algerien, Libyen, den Libanon, Jordanien, Saudi-Arabien und Marokko exportiert. Einige Schiffe fahren sogar in Regionen, die von bewaffneten Konflikten und politischer Instabilität betroffen sind.
Unser Ziel ist klar: den Export lebender Tiere auf dem Seeweg aus der Europäischen Union zu beenden.
Die weltweite Tiertransportflotte: wichtige Fakten
In unserem Bericht „The Global Livestock Fleet“ aus dem Jahr 2026, den wir gemeinsam mit dem Tierschutzbund Zürich und der französischen Organisation Robin des Bois erstellt haben, analysieren wir die 159 weltweit operierenden Tiertransportschiffe. Der Bericht identifiziert systemische Risiken für Tiere, Besatzungen, die Sicherheit auf See und die Umwelt.
159 | offizielle Tiertransportschiffe gibt es weltweit |
40 Jahre | ist das durchschnittliche Alter dieser Schiffe |
84% | sind umgebaute Warenfrachter |
70% | werden unter sogenannten schwarzen oder grauen Flaggen (gemäss Paris MoU) betrieben |
59% | werden von Klassifizierungsgesellschaften überwacht, die nicht dem internationalen Zusammenschluss der Klassifizierungsgesellschaften IACS angehören |
565 mal | wurden Schiffe dieser Flotte während ihrer Betriebszeit festgesetzt |
6 Jahre in Folge | sind Tiertransportschiffe die Schiffskategorie mit den schlechtesten Ergebnissen bei Inspektionen des Aufsichtsnetzwerks Paris MoU. |
Nur 16 % der Schiffe, die weltweit Tiere transportieren, wurden speziell für den Transport von Tieren gebaut. Die restlichen 84 % bestehen aus ehemaligen Frachtschiffen, Containerschiffen, Autotransportern, Ro-Ro-Schiffen, Kühlschiffen und anderen Schiffen, die später zu Tiertransport-Frachtern umgebaut wurden.
Probleme bei Schiffsexporten
Seit 2015 führen unsere Teams Einsätze in den Häfen Rasa (Kroatien), Koper (Slovenien), Tarragona und Cartagena (Spanien) durch und konnten sogar Tiere auf einem Schiff von Kroatien bis nach Ägypten begleiten. Die Ergebnisse unserer Recherchen sind dramatisch. In den untersuchten Häfen wurden die Tiertransporte weder ausreichend kontrolliert, noch sanktioniert. Die Probleme sind systembedingt und haben für die Tiere oft katastrophale Folgen:
- fehlende behördliche Kontrollen der Tiere und der Verladevorgänge in vielen Häfen (u.a. brutaler Umgang mit den Tieren bei der Beladung, Transport verletzter Tiere),
- stundenlange Wartezeiten der Tiere in den LKWs bis zur Verladung aufs Schiff,
- mangelhafte Infrastruktur in den Verlade- und Bestimmungshäfen (fehlende Stallungen, ungeeignete Verladevorrichtungen etc.),
- ungeeignete, veraltete Schiffe (u.a. Verletzungsgefahren, schlechte Belüftung, Tiere müssen in ihren eigenen Exkrementen liegen)
- fehlende medizinische Behandlung kranker Tiere auf den Schiffen,
- fehlende behördliche Überwachungsmöglichkeit für den Transportabschnitt auf See und bis zur Ankunft (u.a. Anzahl kranker, verletzter, toter Tiere)
- Entsorgung toter Tiere und Gülle ins Mittelmeer
Die gefährlichste Flotte der Welt
Viehtransporter sind seit sechs Jahren in Folge die Schiffskategorie mit den schlechtesten Ergebnissen bei den Inspektionen im Rahmen des Pariser Memorandum of Understanding.
Im Jahr 2024 wurden bei 88 % der Inspektionen von Viehtransportern Mängel festgestellt. Ihre Festhaltequote lag bei etwa 15 %, verglichen mit rund 4 % bei allen inspizierten Schiffen.
Die 159 in unserem Bericht analysierten Schiffe verzeichneten während ihrer Betriebszeit insgesamt 565 bekannte Festhaltemaßnahmen. Häufige Mängel betrafen:
- Zertifikate und Unterlagen;
- Navigation und Brandschutz;
- den baulichen Zustand;
- Rettungsausrüstung;
- Maschinen und Systeme zur Vermeidung von Umweltverschmutzung;
- Unterbringung der Besatzung und Arbeitsbedingungen.
Diese schlechte Bilanz ist besonders alarmierend, da das Überleben und das Wohlergehen der Tiere davon abhängen, dass die Belüftung, die Stabilität, die Maschinen sowie die Futter- und Wasserversorgungssysteme des Schiffes während der gesamten Reise einwandfrei funktionieren.


Tierschutz auf See?
Der Schiffstransport setzt Tiere ernsthaften Risiken aus, die sich nicht vollständig verhindern oder kontrollieren lassen. Rinder, Schafe und andere Tiere können Tage oder Wochen in einer instabilen Umgebung verbringen und sind dabei folgenden Gefahren ausgesetzt:
- Hitzestress und Dehydrierung;
- Überbelegung und Platzmangel;
- hohe Luftfeuchtigkeit und Ammoniakkonzentrationen;
- Schiffsbewegungen, Lärm und Vibrationen;
- Verletzungen durch Buchten, Rampen und andere Einrichtungen;
- Erschöpfung, Atemwegserkrankungen und Verdauungsstörungen;
- unzureichender Zugang zu geeignetem Futter und Wasser;
- Stürze, Trampeln und Aufreiten;
- Geburten, Fehlgeburten und das Sterben neugeborener Tiere;
- Verzögerungen durch schlechtes Wetter, technische Ausfälle oder Einfuhrstreitigkeiten.
Hohe Temperaturen gehören zu den schwerwiegendsten Risiken. Viehtransporter können von Europa in Regionen fahren, in denen Temperaturen und Luftfeuchtigkeit weitaus höher sind, während viele Schiffe nicht in der Lage sind, alle Tiere angemessen vor gefährlichen Bedingungen zu schützen.
Trotz dieser Risiken ist es nicht vorgeschrieben, dass ein amtlicher Tierarzt die Tiere während der gesamten Seereise begleitet. Sobald ein Schiff ausläuft, sind verlässliche Informationen über den Zustand der Tiere, Verletzungen, Krankheiten und Todesfälle äußerst begrenzt.
Das EU-Recht gilt, bis die Tiere ihren endgültigen Bestimmungsort erreichen. In der Praxis verfügen die EU-Behörden jedoch über kein wirksames System, um die Tiere während der Reise routinemäßig zu kontrollieren oder ihren Zustand nach der Ankunft zu überprüfen. Die Mitgliedstaaten erhalten oft keine verlässlichen Informationen von Schiffsbetreibern, Kapitänen, Transportunternehmen oder Einfuhrländern.
Die Tiere sind dann möglicherweise weiteren Transporten auf der Straße, unzureichender tierärztlicher Versorgung, grober Behandlung und Schlachtpraktiken ausgesetzt, die in der Europäischen Union nicht akzeptiert würden.
Was wir tun
2017 legt die internationale und auf EU-Recht spezialisierte Anwaltskanzlei Conte & Giacomini in unserem Auftrag eine umfangreiche Beschwerde zu Schiffstransporten bei der EU Kommission ein und fordert sie auf, Vertragsverletzungsverfahren gegen verschiedene Mitgliedstaaten einzuleiten. Die Verfahren dauern noch an.
Die EU-Kommission hat daraufhin 2018 und 2019 erstmals Inspektionsbesuche in den EU-Häfen durchgeführt und viele der oben genannten Probleme bestätigt. Das erhöht die Chancen auf Vertragsverletzungsverfahren vor dem Europäischen Gerichtshof.
Wir werden weiterhin die Missstände bei Tiertransporten per Schiff dokumentieren und dass, obwohl es für unsere Teams immer schwieriger wird, in die Häfen und in die Nähe der Tiere zu kommen.
Wir lehnen den Export lebender Tiere in Drittländer ab und fordern eine Begrenzung der Transportdauer bei Tiertransporten.
Gemeinsam mit unserem europäischen Dachverband, der Eurogroup for Animals, werden wir weiterhin Druck auf die Politik ausüben, um Verbesserungen für die Tiere zu erreichen.


Was Sie tun können
Sorgen Sie dafür, dass unsere Teams weiter im Einsatz bleiben können:
Spenden Sie Einsatzkilometer
Bleiben Sie über unsere Arbeit im Bereich Tierexporte per Schiff informiert:
Abonnieren Sie unseren Newsletter
Weitere Informationen
Faktenblatt:
Lange Tiertransporte
Faktenblatt:
Exporte landwirtschaftlicher Nutztiere in Drittländer
Dossier:
Animal Welfare Overboard
Entschliessung Europa Parlament:
Schutz von Tieren beim Transport inner- und ausserhalb der EU
Tierschutztransportverordnung:
(EG) Nr. 1/2005 über den Schutz von Tieren beim Transport
Studie 2024: AWF x Robin des Bois
64 EU-zugelassene Tiertransportschiffe
Studie (Robin des Bois, AWF|TSB):
78 EU-zugelassene Tiertransportschiffe
Studie im Auftrag des EU-Untersuchungsausschuss Tiertransporte (ANIT):
Tierwohl auf Seeschiffen und Kriterien für die Erteilung von Zulassungen für Tiertransporte












